Wer oder Was war ich? Teil 2

Hier möchte ich mein etwas seltsames Verhältnis zu meinem besten Freund — nennen wir ihn W. — beleuchten.
Wir Beide taten uns zusammen weil wir die Zielscheiben von Spott und Hohn waren. Daraus wurde eine Freundschaft, die knapp 20 Jahre halten sollte. Die ersten Jahre war es eine ganz normale Freundschaft zwischen 2 Jungs. Irgendwie änderte sich das im Lauf der Jahre.
Nach Schulzeit, Berufsausbildung, Wehrdienst saßen wir immer öfter in W’s Partykeller zusammen und tranken unser Bier. Immer mehr übernahm dabei W. eine Rolle, die man in einer Ehe die männliche nennen würde. Ich ließ es ehrlich gesagt auch jahrelang gerne geschehen. In W’s Keller brauchte ich nicht ständig den „harten Kerl“ zu spielen. Ich konnte Emotionen zeigen und solange wir unter uns waren auch schon einmal meine weibliche Seite zeigen. Offenbar hatte unsere „Beziehung“ die Formen einer platonischen Liebesbeziehung angenommen — zumindest von meiner Seite aus.
Wir gingen recht oft schwimmen. Das soll heißen, dass W. seine Runden drehte und ich mich mit einem Badetuch bekleidet auf einer Liege räkelte. Irgendwann fingen wir an mindestens einmal im Monat In eine Sauna zu gehen. Ich freute mich da immer besonders drauf, konnte ich hier doch meine verhasste Männerkleidung für 5 bis 6 Stunden loswerden. Nach dem Saunagang konnte ich mich dann wieder mit Badetuch „bekleidet“ als Frau zu fühlen.
Seit, ich glaube, 1977 fingen W. und ich an auf Volkswanderungen zu gehen. Meistens suchte W. die Wanderungen aus und wir fuhren dann am Wochenende da hin und wanderten zwischen 10 und 42 Km. Zu uns stieß eines Tages ein seltsames Paar. Aber egal — die beiden waren in Ordnung. In deren Anwesenheit brauchte ich mich auch nicht zu sehr zu verstellen. Wenn aber andere Personen dabei waren hatte ich das Bedürfnis als „Mann“ aufzutreten. Da redete ich auch nicht mehr soviel, weil ich bei den Machosprüchen nicht mithalten konnte und mich dabei auch gar nicht wohl fühlte. Das waren dann die Gelegenheiten, wo dann Abends alleine hätte kotzen können.
Mit der Zeit wurde die Wanderei immer mehr und W. immer bestimmender. So ab 1985 ging ich nicht mehr überall mit und suchte andere Herausforderungen. W. und ich sind vorher schon einige mehrtägige Rundwanderwege gegangen. Jetzt ging ich einen Rundweg im Bayerischen Wald alleine. Um den 1. Mai 1986 herum war ich im Mostviertel unterwegs. Kurz vorher war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl! Aber niemand wusste zu dem Zeitpunkt was die Gewitter alles an Dreck aus der Luft gespült hatten. Naja….
Vom Wandern zog ich mich immer mehr zurück. Aber in die Sauna gingen wir immer noch zuammen. Ein Projekt wollte ich aber noch starten — ich wollte einen der Europäischen Fernwanderwege erwandern. Leider machten aber meine Füße nicht mehr mit. Heute weiß ich, dass das die Anfänge der Fibromyalgie waren.
Was W. und ich leidenschaftlich machten, war Camping. Seit 1973 waren wir mehrmals im Jahr mit unserem Zelt unterwegs. W. war für technische Dinge zuständig und ich machte den Haushalt (kochen, putzen, Ordnung halten, Esspakete für unterwegs machen usw.). Hier konnte ich mich entfalten, hier redete mir keiner rein.
1987 beschloss ich mit dem Fahrrad von Eppertshausen an den Neusiedler See zu fahren. Ich fragte W., ob er mitfahren wolle. Da es dafür aber keine Einträge in irgendwelche Wanderhefte gab wollte er nicht. Also machte ich die Tour um Pfingsten herum alleine. Ich denke, dass ich damit den Abnabelungsprozess von W. einleitete. Das Verhältnis war nicht mehr so innig. Als ich mich dann noch im September 1987 in meine Ehefrau verliebte, die ich vorher schon seit 1979 kannte und die mit ihrem damaligen Mann bei uns im Kegelklub war, kam es zu einem ersten Bruch.
Ich erwähnte den Kegelklub. Den gründeten W. und ich, so glaube ich, 1978 und wir suchten die ersten Jahre irgendwie ständig Mitglieder. Das Kegeln machte ja Spaß, aber hier musste ich „Mann“ sein. Entsprechend schlecht ging es mir da immer, weshalb ich beim Kegeln meist ziemlich viel Bier trank, obwohl ich meistens noch fahren musste. Ich hatte aber immer Glück (auf Holz klopf). Daheim war mir dann immer schlecht — nicht wegen  dem Bier, sondern weil die „Herren“ sich meist gegenüber den Frauen unmöglich benahmen. Igitt…..
W. ist Elektromeister. Zum endgültigen Bruch zwischen uns kam es, weil er in unserem Haus einen Teil der Elektrik neu machte und ich trotzdem am Elektroherd einen Stromschlag erhielt. Ich rief W. an und faltete ihn zusammen.
Das war das Verhältnis zu meinem ehemals besten Freund.
Eure Emma

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.