Das erste Jahr als Frau

So — das erste Jahr als Frau ist herum. Wie war es?
Großartig –ich bereue keine Minute. Ich wurde nahezu überall als Frau akzeptiert und was will man mehr. Die Namens- und Personenstandsänderung ist durch. Eine gegengeschlechtliche Hormontherapie wurde begonnen.
Was immer noch äußerst ungewohnt ist, ist die Tatsache, dass ich vom heterosexuellen Mann zur lesbischen Frau wurde. Obwohl sich ja die letzten Jahre bei mir sexuell nichts mehr rührte, ist es für meine Frau eine gewaltige Aufgabe sich jetzt auf eine Frau einzulassen. Die sensiblen Zonen sind bei mir durch die körperlichen Veränderungen seit Mai 2017 ganz anders. Meine Brüste kamen neu hinzu und wo früher der ganze Penis empfindlich war, ist es jetzt nur noch die Eichel und die will wie die Klitoris einer Frau gereizt werden.
Für mich ist es aber auch eine Umstellung — ich muss lernen, wie ich als Frau meine Frau verführen kann und ich bin noch nicht aus der Lernphase heraus.
In den letzten 12 Monaten habe ich mir — auch mit Hilfe meiner Frau — eine Menge Kleidung gekauft. Ich musste lernen, dass ich nicht alles zu allem anziehen kann. Jetzt habe ich langsam den Bogen heraus. Ich habe mittlerweile sogar einige Kleidungsstücke, die meine Frau sexy findet!
Zwischen meiner Frau und mir knistert es seit ein paar Wochen wieder und ich habe seit letzter Woche sogar wieder Schmetterlinge im Bauch.
Meine Frau und ich sind oft zusammen einkaufen und bummeln und da zeigen wir auch, dass wir zusammengehören.
Wegen des Todes meines Vaters Anfang März waren wir letztes Wochenende zum ersten Mal auf einem Dorffest. Das war vom Förderverein der Grundschule und dort ist der Ortsvorsteher Mitglied. Das ist derjenige Mensch, der offensichtlich dafür sorgte, dass ich meine Arbeit als Hausmeister des Bürgerhauses verlor. Er war jetzt wirklich freundlich und bediente mich sehr zuvorkommend und gab sehr freundlich Auskunft. Auch am Bratwurststand und bei den Bastelsachen der Kinder wurde ich freundlich bedient. Ich hatte nicht das Gefühl unwillkommen zu sein, eher das Gegenteil. Die meisten Leute schauten höchstens neugierig. Es gab aber keine Kommentare, obwohl meine Veränderung sicherlich bis zum letzten Haus vorgedrungen war.
Nach diesem Jahr habe ich das Gefühl in der Frauenwelt angekommen und akzeptiert zu sein. Ich selbst fühle mich zu 98% als Frau, die GaOP macht den Rest aus und die Bartentfernung ist eine nette Dreingabe, die allerdings das Ausgehen um einiges vereinfachen würde.
Ich war zusammen mit meiner Frau meistens in der näheren Umgebung unterwegs. Seit ich im Juli für uns einen Wohnwagen kaufte und wir damit unterwegs sind gab es noch einmal einen Sprung ins kalte Wasser. Ein Leben teilweise in der Öffentlichkeit, unbekannte Geschäfte, unbekannte Menschen die uns beobachteten und am Anfang meine Ungewissheit, wie andere Frauen auf meine Anwesenheit im Frauenwaschraum reagieren. Ich war jedes Mal überrascht, wie gut das ging — ich fiel nicht mehr auf, als andere Frauen. GAR NICHT.
Das selbstbewusste Auftreten von Anfang Dezember 2017 habe ich beibehalten. Es bleibt mir ja eigentlich auch nichts anderes übrig. Andere Leute könnten ja sonst auf irgendwelche dummen Gedanken kommen.
In meinem Verhalten, meinem Gang, meinen Gesten und vielleicht auch meiner Wortwahl brauchte ich eigentlich nichts gravierendes zu ändern. Es war alles so vertraut. Ich war ja durch meine Krankheit praktisch aus dem Erwerbsleben ausgeschieden und brauchte die antrainierten, männlichen Verhaltensweisen nicht mehr. Seit etwa 2006 hatte ich überwiegend mit Frauen zu tun — mit meiner Frau, ihrer Mutter (bis 2010) und den Sachbearbeiterinnen von der ARGE. Wahrscheinlich übernahm ich unbewusst das Verhalten usw von diesen Frauen. Ich brauchte dann nur noch die Kleidung zu wechseln, den Bartwuchs abzudecken und zu versuchen meine Stimmlage etwas zu ändern.
Dies war übrigens die größte Herausforderung. Ich habe von Natur aus eine recht helle und wenig männliche Stimme. Im Lauf der Jahre hatte ich mir eine tiefere, „männlichere“ Stimme zugelegt. Jetzt musste ich nur diese „Zweitstimme“ vergessen,  was aber gar nicht so einfach war. Wenn ich nicht aufpasste schlug immer mal wieder diese Stimme durch. Jetzt bin ich so weit, dass ich einfach so, ohne mir Gedanken machen zu müssen, losplappern kann. Sogar singen kann ich mit dieser Stimme. Sie dürfte etwa einer Altstimme entsprechen, als Mann hatte ich einen Bass.
So, das war eine Zusammenfassung des Jahres 1 als Frau, dem hoffentlich noch viele, viele Jahre folgen.
Eure Emma

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.